Die Furcht vor Veränderung

Veröffentlicht am 12. Januar 2018

Im 21. Jahrhundert postuliert die Öffentlichkeit die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft. Getrieben von den täglichen Innovationen aus Wissenschaft und Technik, sieht sich die Bevölkerung einem Druck ausgesetzt, sich täglich weiterzuentwickeln, um nicht abgehängt zu werden. Doch Tatsache ist, dass dieser äußerliche Impuls falsch interpretiert wird. Veränderung bedeutet nicht, dass man jeden Tag schneller und weiter kommen muss, um immer mehr Leistung in immer kürzeren Zeiträumen zu generieren.

Ein Blick in die Natur, von der wir uns verzweifelt abzugrenzen versuchen, wo wir doch so tief mit ihr verankert sind, zeigt uns, was Veränderung wirklich bedeutet. Der Planet hat sich über Milliarden von Jahren stetig verändert. Von einem überhitzten Feuerball zu einem blühenden blauen Planeten. Dabei hat er sich keineswegs schneller gedreht.

Die Tier- und Pflanzenwelt verändert sich einerseits in biologischer Hinsicht und andererseits ändert sie ihre Verhaltensmuster, um sich der Umwelt laufend anzupassen. Dabei beeinflusst sie die Umwelt ebenfalls. Eine ununterbrochene Wechselwirkung. Eine Symbiose.

Die Menschheit läuft davon. Wovor sie davon läuft, weiß keiner. Doch die westliche Gesellschaft zeigt deutlich, dass sie die Impulse aus ihrer Umwelt täglich falsch interpretiert. Veränderung bedeutet nicht schneller und weiter. Veränderung bedeutet Anpassung. Anpassung geschieht durch lernen. Und der Mensch hebt sich nicht von der Tierwelt ab, indem er Werkzeuge baut. Der Mensch hebt sich ab, weil er nicht nur lernen, sondern sich auch bilden kann. Er kann sich in Selbstwirkung aus eigenem Antrieb heraus in seinen Werten und seinem Verhalten weiterentwickeln. Der Motor hinter dieser Bildung ist die Kommunikation. Der Mensch hebt sich von der Tierwelt darin ab, dass er nicht nur über non-verbale und verbale Sprache kommuniziert, sondern auch mithilfe von Symbolen. Und die Bedeutung dieser Symbole werden ständig neu ausgehandelt im Laufe der Jahrzehnte. Das ist die Veränderung, die uns weiterbringt.

Doch die Fehlinterpretation der Impulse aus der Umwelt führt zu einem Wettlauf. Höher, schneller, weiter. Wer diesem unnatürlichem Weg folgt, wird krank. Dabei steckt er seine Umwelt mit an. Der Mensch wird krank, seine Umwelt wird krank, der Planet wird krank.

Bildquelle: pixabay.com

Das deutsche Schulsystem ist ein Sinnbild dieser Fehlinterpretation von Veränderung. Geboren aus der industriellen Revolution, einer produktorientierten Haltung und getrieben von dem Glauben an allgemeinen wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, ist das Schulsystem vor allem Selektionssystem. Der Schüler durchläuft von der ersten Klasse an Verfahren, die ihn nicht bilden, sondern ihn kategorisieren. Gemessen an der Menge an Informationen, die er Speichern und auf Abruf wiedergeben kann, wird er auf dem Industrieband der Schule von einem Jahr ins nächste getragen und ggfls. zurückgestuft, bis er mit einem Zertifikat versehen, dass ihn auf einem an Höher, Schneller, Weiter orientierten Maßstab kennzeichnet, in die Welt entlassen und soll nun den Arbeitsmarkt bereichern.

Doch der Arbeitsmarkt verlangt schon seit Jahrzehnten keine jungen Menschen mehr, die lediglich Wissen auf Abruf bereithalten. Schon in den neunziger Jahren haben Wissenschaftler aus Wirtschaft und Pädagogik erklärt, dass das Schulsystem nicht mehr den Anforderungen der Gesellschaft entspreche. Wir leben nicht mehr nach industriellen Standards. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft die Individualität und Kreativität verlangt. Und diese entsteht nicht durch Lernen von Wissen, sondern durch Bildung und Kommunikation.

‚Aber wie?‘ fragt die Politik, während sie ihr Sitzfleisch in die Stühle bohren und sich auf ihren Renten ausruhen. ‚Reform!‘ schreit die Wissenschaft und die Bevölkerung nickt zustimmend. ‚Das bedeutet Arbeit, das bedeutet Investitionen, das bedeutet einen Prozess in Gang zu bringen, der länger als eine Wahlperiode dauert. Das machen wir nicht.‘ lautet die Antwort aus der Politik, wobei sie diese in einer Fülle von Ausreden und vermeintlichen Studienergebnissen verstecken.

In den neunziger Jahren erklärte man das Schulsystem als veraltet und nicht mehr den Anforderungen der Gesellschaft entsprechend. Zwanzig Jahre später hat sich nichts verändert.



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