Es braucht einen radikalen Neuanfang – Interview mit Dr. Christoph Schmitt

Veröffentlicht am 23. Mai 2019

Dr. Christoph Schmitt ist Blogger, Lerncoach und Bildungsdesigner. Auf lebendiglernen.ch setzt er sich mit bildungspolitischen Themen auseinander, übt Kritik am Bildungssystem und gibt wichtige Impulse für neue Bildungskonzepte. Da er mich mit seinen Artikeln laufend inspiriert, bat ich ihn für meinen Bildungsblog um ein Interview:

Herr Dr. Schmitt, wie definieren Sie Bildung?

Definitionen sind Abgrenzungen. Bei Bildung fällt mir diese Abgrenzung oder Unterschiedsbildung besonders ins Auge, wenn ich sie von der Ausbildung unterscheide: Ausbilden können und tun uns Andere. Bilden können wir uns nur selber.

Das Wort Bildung, als solches ja nur im Deutschen vorhanden, ist etwas, das sich völlig unterscheidet von Tätigkeiten, die andere Menschen mit oder an uns vollziehen – z.B. Erziehung. Erziehung ist etwas, was andere mit uns tun. Wir werden erzogen. Aber Bildung gibt es im Verb nur rückbezüglich: sich bilden. Ich kann dich nicht bilden. Niemand kann jemand anders bilden. Bilden kann ich mich nur selber. Es ist also eine ganz fundamental selbstbestimmte, selbstgesteuerte, self-directed Aktivität eines Menschen, der sich entfaltet, der sich im Dialog, im Austausch, in der Begegnung mit der Welt, im Entdecken, im Vertiefen, im Scheitern, neu Anfangen, etc., sich bildet, als Persönlichkeit, als Mensch. So definiere ich Bildung.

Bildquelle: Dr. Christoph Schmitt

Bildung hat also für mich nichts zu tun mit gebildet sein, im Sinne von viel wissen – sondern Bildung ist für mich Selbstartikulation des Menschen. Und das ist alles als Potenzial, als Ressource und als Fähigkeit im Menschen angelegt. Was wir tun können, um Bildung zu unterstützen, ist, dass wir den Menschen alles zur Verfügung stellen, damit sie sich selbst bilden können. Das ist für mich ganz entscheidend. Bildung ist etwas, das ein Mensch mit sich selbst tut.

Dazu empfehle ich einen Artikel von Peter Bieri, „Wie wäre es, gebildet zu sein“. Auf den Artikel beziehe ich mich, wenn ich über Bildung spreche.

Welche Bildungsvision verfolgen Sie?

Ich habe eine Vision, die damit beginnt, dass ich nicht mehr von Bildung sprechen möchte, sondern von Lernen – nicht mehr von Education, sondern von Learning und nicht mehr von Bildungseinsrichtungen, sondern von Learning Communities. Ich denke, dass wir uns, angesichts der riesigen Herausforderungen vor denen wir stehen – sozial, ökonomisch und was das Klima betrifft, Migration, Zukunftsvisionen, digitale Transformationen, Neuerfindung von Arbeit, womöglich ganz neue Arbeitsmodelle; diese volatile, unsichere, überkomplexe, ambiguitive Welt – dass wir von diesen Vorstellungen von Bildung Abschied nehmen müssen, um eine neue Vision zu entwickeln, die aber heißt: wie müssen Lernumgebungen geschaffen sein, in denen Menschen sich jene Kompetenzen aneignen, entwickeln und vertiefen, die sie brauchen, um zukunftsfähig zu werden?

Bildung will ich nicht mehr sagen. Wenn Bildung, wie oben skizziert, inzwischen immer eher um Inhalte geht, von bildungsnah und bildungsfern gesprochen wird, Allgemeinbildung, gut und schlecht gebildet – der ganze Mist, den sollten wir abhäuten, wie eine Schlange sich häutet. Und deshalb lass uns nicht mehr von dieser Bildung reden, sondern von Lernen. Vor allem, wenn es öffentlich wird, also wenn es um die Frage geht, wie soll das denn aussehen in Zukunft? Nicht, welche Bildungssysteme brauchen wir in Zukunft, sondern welche Lernumgebungen, welche kollaborativen Lernumgebungen? Sind das Co-Learning-Spaces? Das wäre für mich eine Vision.

Darüber habe ich den Blogartikel „Lernen in Netzwerken“ geschrieben. Dass wir echte Learning Communities bilden, wo Kinder, Erwachsene, lebenslang Lernende, Gelegenheit kriegen, Prozesse selber zu gestalten und sich selber mit der Welt und mit sich selber auseinanderzusetzen, alleine und in Teams. Es geht ums Entdecken, Probleme lösen und uns voranbringen. Es ist eine Vision von Learning Communities, von Discovering, von Exploring, von Serendipity, also sich auf Umwege wagen und ganz Neues entdecken und sich überraschen lassen.

Wie hoffen Sie, diese Vision erreichen zu können?

Ich bin jetzt seit vier Jahren intensiv in dieser Thematik unterwegs. Vorher war ich im alten Bildungssystem angestellt. In diesen vier Jahren ist mir klar geworden, dass diese Vision vor allem über die Vernetzung derer, die bereits in Ansätzen, oder seit vielen Jahren erfolgreich radikal neue Paradigmen für das Lernen erfunden und umgesetzt habe, erreichbar. Die Learnlife.com in Barcelona ist ein Beispiel; die Grundacher Schule in Sarnen, es gibt viele Schulen, auch weltweit. Ich denke, unsere Aufgabe ist es, all diese Initiativen, die seit Kurzem oder schon sehr lange zeigen, dass wir mit den neuen Lernparadigmen, mit den neuen Learning Communities, das alte Mind-Set von Beschulung, Unterrichtung, Bewertung, Gleichschaltung hinter uns lassen können. Dass wir hier uns vernetzen. Dass wir ein starkes globales Netzwerk bilden mit einer gemeinsamen Vision, mit gemeinsamen Zielsetzungen, die wir erreichen wollen, damit wir auch eine gewisse Stärke entwickeln gegenüber dem klassischen staatlichen monopolistischen Bildungssystemen, die auf der einen Seite mausetot sind, auf der anderen Seite aber nicht loslassen möchten.

Also, die Vision verwirklichen durch das Vernetzen der guten Initiativen, die es schon gibt. Wenn das dann dazu führt, dass sich immer mehr Menschen mutig auf den Weg machen und die Initiative, die Bewegung, stärker wird.

Wo sehen Sie die Stellschrauben, die Europas Bildungssystem verbessern könnten?

Ich sehe gar keine Stellschrauben, weil das Bild von den Stellschrauben finde ich ganz grauenvoll, denn es hat etwas mit einem mechanistischen Weltbild zu tun, mit Maschinen und Lernen und Bildung ist für mich ganz woanders. Das ist nichts, woran ich drehen kann, damit sich was verändert, weil wir es mit Menschen, mit Wachsen, mit Unvorhersehbarkeiten, mit Nicht-Messbarkeit zu tun haben. Europas Bildungssystem zu verbessern ist, denke ich auch, Hybris, also du kannst dieses System nicht verändern, weil es sich hier um Lebenszyklen handelt und die Lebenszyklen des klassischen Bildungssystems – ob es sich um Europa, oder Asien, oder Amerika handelt – sind vorbei.

Bildquelle: Dr. Christoph Schmitt

Ich denke, es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass wir Schulpflichten auflösen, dass wir Menschen ihre Autonomie zugestehen, was die Kernkompetenz des Lernens und des sich Entwickelns und sich Bildens und Entfaltens betrifft. Das ist ein wesentlicher Faktor, wo wir etwas wegfallen lassen, nämlich die Verpflichtung und anerkennen: Bildung ist keine Verpflichtung, sondern ein Recht. Menschen sollten autonom selbst entscheiden, wie sie dieses Recht wahrnehmen. Von daher finde ich Schulpflicht widerspricht allem, was einem humanistischen Weltbild entsprechen würde. Man muss dafür sorgen, dass Menschen niederschwellig vielfältigen Zugang zu Lern- und Bildungsmöglichkeiten haben, über die sie aber selber entscheiden und die sie selbstständig finden. Dass Menschen dort Lernen, wo sie arbeiten und lebenund dort arbeiten, wo sie lernen und leben und dort leben, wo sie arbeiten und lernen.

Was möchten Sie den Bildungsvisionären dieser Welt mit auf den Weg geben?

Denen, die wirklich schon die radikalen, subjektiven, träumerischen, konkreten Visionen haben, muss ich gar nichts mit auf den Weg geben, außer, dass ich die Daumen drücke. Und den Anderen, die sich als Visionäre verstehen, und doch dem Kaiser nur neue Kleider anlegen wollen, oder den alten Scheiß in neue Klamotten einhüllen, denen würde ich mit auf den Weg geben, dass sie endlich diesen Trauerprozess zulassen, diesen Prozess des Loslassens. Denn, das ist meine Erfahrung aus der Arbeit mit sterbenden und trauernden Menschen, das ist die erste Voraussetzung dafür, um überhaupt neu anfangen zu können. Damit ich realisiere, da ist etwas zu Ende gegangen, das lässt sich nicht reanimieren. Wir müssen uns eingestehen, das war mal wichtig und groß und gut, ist jetzt aber tot und vorbei. Und da braucht es Loslass-Prozesse, Sterbe-Prozesse, an deren Ende wir loslassen können. Das ist ein ganz normaler, menschlicher Vorgang. Dazu würde ich ermutigen wollen. Endlich das ernst nehmen und sagen: Schluss. Was müssen wir loslassen? Was an Gutem können wir mitnehmen, damit der Rucksack leicht bleibt, aber die Perlen nicht verloren gehen. Und sich schließlich darüber klar werden: Es braucht einen radikalen Neuanfang.

Mehr zu Dr. Christoph Schmitt: https://www.bildungsdesign.ch



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