Liebes Bildungssystem Deutschland


Veröffentlicht am 20. Februar 2019

Liebes Bildungssystem Deutschland,

du hast es erlaubt, dass ich viel zu jung Eintritt bekam. Mit fünf Jahren begann ich unter Tränen meine Schulzeit. Zwar fasste ich schnell Mut, fand Freunde, wovon mich eine bis heute begleitet, und fand Spaß am Lernen. Ich hatte Glück in deiner Lotterie

Ich gehörte zu den Kindern, die von ihren Eltern und Lehrern keinen unnötigen Druck erfuhren. Da die Noten von Beginn an gut waren, bekam ich von Anfang an stets Lob und Bestätigung. Doch auf einer Klassenfahrt in der dritten Klasse erfuhr ich ein Trauma.

Wir waren in St. Andreasberg. Wir waren dort mit einer anderen Klasse aus einer anderen Grundschule. Dort war ein Schüler krank mit Magen-Darm. Bald waren fast alle krank. Die Lehrerin verbot mir, meine Eltern anzurufen, obwohl ich solche Angst hatte und einfach nur nach Hause wollte, um von meinen Eltern in den Arm genommen zu werden. Es wurde mir verboten. Ich weiß bis heute nicht, warum. So verbrachten wir fünf Tage in der Jugendherberge. Schlaflose Nächte, wegen kranker Mitbewohner in meinem Zimmer. Aber das Programm wurde durchgezogen.

Aus den Augen eines Erwachsenen klingt das nicht allzu dramatisch. Aber für ein kleines Kind ist es traumatisch. Noch heute habe ich mit den Folgen zu kämpfen.

Am Ende der vierten Klasse eine weitere traurige Situation. Ich war verliebt und mein Freund durfte nicht mit mir aufs Gymnasium. Ich wollte zu ihm auf die Realschule. Meine Eltern erklärten mir, dass ich ihn trotzdem zuhause besuchen kann und wir Freunde bleiben können. Natürlich war es nur eine erste kindliche Liebe. Doch eine Freundschaft ging dadurch verloren. Denn wir verloren uns aus den Augen, dank der Dreigliedrigkeit des Systems, bin ich nur mit denen befreundet geblieben, die mit mir auf dasselbe Gymnasium kamen.

Dort startete ich zunächst gut in die nächste Stufe. Doch immer wieder geriet ich an Lehrer, die die Klasse nicht im Griff hatten und unzureichenden Unterricht hielten. Es gab viel Stundenausfall. Und obwohl an dieser Schule drei Schulformen unter einem Dach untergebracht waren, lernten wir schnell zu denken: „Die und Wir.“ Wieder ein Ergebnis deiner Dreigliedrigkeit.

Am Ende der achten Klasse entschied ich mich, die Schule zu wechseln, da mir klar wurde, dass ich hier nicht ausreichend gefördert wurde – mit dieser Entscheidung überraschte ich sogar meine Eltern. Sie ließen mich. Und meine Initiative steckte eine Handvoll Klassenkameraden an, die mir folgten.

Leider musste ich mit ansehen, wie meine damals beste Freundin nicht mehr mitkam. Mit jeder höheren Klassenstufe nahmen das Tempo und die Anforderungen Fahrt auf. Sie verlor bald den Anschluss. Sie verlor allen Mut und war bald davon überzeugt: „Ich bin keine gute Schülerin, ich werde nicht weit kommen.“ Sie gab sich auf. Ich versuchte sie zu ermuntern. Aber von den Lehrern erfuhr sie keine Unterstützung. Das System hatte sie aussortiert. Nach der elften Klasse gab sie auf.

Ich legte erfolgreich mein Abitur ab. Doch nachdem ich von der Schule befreit war und auf ein selbstständiges Leben zusteuerte, bemerkte ich, wie wenig ich eigentlich vom Leben wusste. So viele Kompetenzen waren verkümmert oder kaum ausgebildet worden. So große Unsicherheiten hatten sich in mir aufgestaut. So viel war auf der Strecke geblieben, während ich deinem Verlangen folgte, mich vollkommen auf das Erreichen guter Noten zu konzentrieren.

Heute erinnere ich mich kaum noch an die Fakten, die ich in der Schule gelernt habe. Das Rechnen, Schreiben und Lesen blieben hängen. Methodenarbeit blieb hängen. Projekte blieben in Erinnerung. Doch weder Gesetze der Physik, Mathematik, Daten aus Geschichte, Grammatikregeln, und vieles andere weiß ich heute noch.

Dennoch. Ich hatte Glück. Ich habe ein gutes Los in deiner Lotterie gezogen. Nicht zuletzt wuchs ich dank dem einen oder anderen Lehrer/in auf der neuen Schule nach meinem Wechsel, die wussten, wie sie mich fördern mussten. Doch andere blieben dabei auf der Strecke, denn so gut ein Lehrer auch sein mag, er hat nicht die Zeit, sich um alle zu kümmern.

Dies ist nur ein Ausschnitt. Ich könnte noch mehr Geschichten erzählen. Doch dieser Ausschnitt reicht schon, um mich so stark zu motivieren, dass ich alles daran setzen möchte, meine Kinder mal davor zu bewahren.

Es ist Zeit für etwas Neues.

Bye bye, Bildungssystem Deutschland. Du hast ausgedient.

#LiebesBildungssystemDeutschland

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