Plädoyer für mehr Balance und Harmonie – Emotionale Intelligenz sollte fester Bestandteil jedes Curriculums sein

Veröffentlicht am 7. Februar 2019

Die Terminkalender der Psychologen sind voll, die Medien vermitteln ein Bild ansteigender Kriminalität und die Alten klagen zunehmend über das Verhalten der Jungen und den „Mangel an Erziehung“. Vermeintliche Experten beobachten eine Zunahme von Depressionen und Burn-Out sowie anderer psychischer Erkrankungen. Pädagogen fürchten eine Tendenz, nach der Kinder und Jugendliche immer schwieriger zu „handhaben“ seien. Wir werden unglücklicher, kränker, zerstören den Planeten und dennoch zeigen Studien, dass wir immer älter werden.

Die „Experten“ scheinen sich uneinig über Ursachen und Wirkungszusammenhänge und die Politik streitet sich, ohne der Wissenschaft Gehör zu schenken – währenddessen sammelt die Neurowissenschaft seit Jahrzehnten neue Erkenntnisse, die Hinweise auf die Zusammenhänge der in der Gesellschaft spürbaren Veränderungen geben könnten. Basierend auf der Lektüre von Gerald Hüther, Manfred Spitzer und David Goleman, werfe ich bewusst provokativ die folgende Hypothese in den Raum:

Eine mögliche Ursache für den allgemein herrschenden Mangel an Empathie, Selbstbeherrschung und Deutungsfähigkeit der eigenen Gefühlswelt sowie das Repertoire, mit den eigenen Gefühlen umgehen zu können, ist der Mangel an Aufmerksamkeit und Anerkennung der emotionalen Intelligenz in häuslicher Erziehung und institutioneller Bildung.

Was ist „emotionale Intelligenz“?

Die Intelligenz der Gefühle. Dazu gehören Fähigkeiten wie die, sich selbst zu motivieren und auch bei Enttäuschungen weiterzumachen; Impulse zu unterdrücken und Gratifikationen hinauszuschieben; die eigenen Stimmungen zu regulieren und zu verhindern, daß Trübsal einem die Denkfähigkeit raubt; sich in andere hineinzuversetzen und zu hoffen. Anders als der IQ, der seit fast hundert Jahren an Hunderttausenden untersucht wurde, ist die emotionale Intelligenz ein neues Konzept.“

(Goleman, 1997: 54)

Die Definition der emotionalen Intelligenz zeigt bereits, dass sie eben genau das beinhaltet, was der „Common Sense“ der Gesellschaft aktuell vermisst und demnach bemängelt. Anders formuliert, befähigt eine hohe emotionale Intelligenz eine entsprechend hohe Ausprägung der folgenden Fähigkeiten: Selbstwahrnehmung der eigenen Emotionen, Emotionen handhaben, Emotionen in die Tat umsetzen, Empathie und Umgang mit Beziehungen. (Goleman, 1997: 65f)

Der Prozess ist einfach zu verstehen: Wenn man dazu in der Lage ist, seine eigenen Gefühle zu verstehen, kann man sie leichter handhaben und mit ihnen einen entsprechenden Umgang finden, sodass man sie sogar gezielt für den eigenen Erfolg einzusetzen weiß. Mit dem wachsenden Verständnis und der Handhabung der eigenen Gefühlswelt wächst auch das Verständnis für die Gefühle anderer, also die Empathie, und damit eine gewisse Beziehungsfähigkeit.

Klingt zunächst einfach und logisch, nicht wahr? Doch tatsächlich mangelt es in unserer verkopften Leistungsgesellschaft an Akzeptanz einer „Intelligenz der Gefühle“. Obwohl die Neurowissenschaft diese schon bestätigen konnte:

„Diese Schaltung zwischen präfrontalem Kortex und Mandelkern ist ein wesentlicher Aufbewahrungsort für die Neigungen und Abneigungen, die wir im Laufe unseres Lebens erwerben. Als Schnittstelle zwischen Tatsachen und Emotionen scheint eine ihrer Aufgaben darin zu bestehen, Assoziationen zwischen Tatsachen und Gefühlen zu speichern. (…) Erkenntnisse wie diese lassen Damasio zu der kontraintuitiven Auffassung gelangen, daß Gefühle normalerweise für Rationalität unerläßlich sind; sie weisen uns zunächst in die richtige Richtung, wo dann die nüchterne Logik von größtem Nutzen sein kann. Während die Welt uns oft vor kaum überschaubare Wahlmöglichkeiten stellt (…) schickt der emotionale Erfahrungsspeicher, den wir im Leben erworben haben, Signale aus, die die Entscheidungen vereinfachen, indem sie von vornherein gewisse Optionen ausschließen und andere hervorheben. In diesem Sinne, meint Damasio, ist das emotionale Gehirn am rationalen Denken genauso beteiligt wie das denkende Gehirn.“

(Goleman, 1997: 47f)

Jeder kennt dieses undefinierbare Gefühl, dass zuerst im Bauch auftaucht, sich dann über das Herz bis in den Verstand hocharbeitet und unsere Entscheidungen maßgeblich beeinflusst – wenn wir es zulassen. Dieses „Bauchgefühl“ ist ein tatsächlich messbarer und nachweisbarer neurologischer Prozess, der in unserem Körper stattfindet. Ehe das Gehirn dazu in der Lage ist, mit fertigen Gedanken auf eine Entscheidungsmöglichkeit zu reagieren, signalisieren uns unsere Nerven, achtsam zu sein und innezuhalten und dem Gehirn Zeit zum Nachdenken zu geben. Es ist wie ein emotionaler Reflex, der durch bestimmte Assoziationen ausgelöst wird und auf unseren Erfahrungen basiert. Diese Fähigkeiten können wir uns zunutze machen, um erfolgreich das Leben zu bestreiten.

Es gilt, Körper und Geist in Einklang zu bringen und zugleich beiden Gehör zu schenken.

Kreativität ist ein Produkt dieser harmonischen Zusammenarbeit aus Verstand und Gefühl:

„Wirklich kreativ werden Menschen erst dann, wenn es ihnen gelingt, ihre in ihren jeweiligen Lebenswelten individuell erworbenen Fähigkeiten, Kenntnisse, Begabungen und Vorstellungen mit denen anderer Menschen zu verschmelzen. Dazu freilich bedarf es der Begegnung und des vertrauensvollen Austausches von Menschen mit möglichst verschiedenen soziokulturellen Erfahrungen.“

(Hüther, 2011: 131f)

Goleman definiert folglich sieben Elemente erfolgreichen Lernens, die Bestandteil der emotionalen Intelligenz sind: Selbstvertrauen, Neugier, Intentionalität, Selbstbeherrschung, Verbundenheit, Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft. (Goleman, 1997: 245)

Meiner Meinung nach ist es längst überfällig, emotionale Intelligenz (EQ) anzuerkennen und ihr gleichberechtigt neben der Förderung des analytischen Intelligenzquotienten (IQ) Platz in sämtlichen Curricula der Bildungsinstitutionen einzugestehen. Studien und Forschung dazu gibt es jedenfalls inzwischen viele. Zeit, der Wissenschaft Gehör zu schenken.



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