Von der Fehlervermeidung zur Fehleroffenheit im Bildungssystem

Veröffentlicht am 25. April 2019

Das Bildungssystem ist der Spiegel seines gesellschaftlichen Kontexts. Ihm ist die zentrale Funktion inne, die Gesellschaftskultur(en) zu replizieren. In einer Leistungsgesellschaft, dem die Fehlervermeidungsstrategie anhaftet, bedeutet dies, dass diese Strategie im Bildungssystem kultiviert und seinen Schützlingen antrainiert wird. Dabei gibt es eine deutlich erstrebenswertere Alternative: Die Fehleroffenheit.

Was ist ein Fehler?

Ein Fehler ist zunächst eine Handlung. Diese Handlung wird rückblickend bewertet und evtl. als ein Fehler eingestuft. Dabei bezieht sich diese Bewertung in der Regel auf die Differenzerfahrung von Erwartung und Ergebnis des Handlungsprozesses. Eine Handlung als einen Fehler einzustufen ist demnach zunächst eine harmlose Entscheidung. Schlichtweg eine Feststellung. Eingebettet in einen entsprechenden gesellschaftlichen Kontext kann diese Entscheidung jedoch weitreichende Folgen haben – je nachdem, welche Strategien im Umgang mit Fehlern dort kultiviert werden.

Unsere Leistungsgesellschaft basiert auf einem Versprechen: Je mehr man leistet, desto erfolgreicher ist man. Doch dieses Versprechen ist trügerisch. Es stützt sich mit der These, dass die Bewertung von erbrachten Leistungen anhand objektiver Maßstäbe vorgenommen wird und einem Sinn von Gerechtigkeit folgt. Dass es keine Objektivität hinsichtlich von Bewertungsprozessen gibt, ist offensichtlich und hinreichend belegt worden (siehe u.a. meine Hausarbeit „Die Zensur auf dem Prüfstand“, abrufbar auf www.madita-heubach.de/forschung). Noch absurder wird das gesamte Gebilde, blickt man auf all die Beispiele von Menschen, die vergleichbar wenig leisten und dennoch deutlich größeren Erfolg haben. Doch auch hier bemüht sich das Lügengerüst um Aufklärung: Nicht die Prozesse, sondern die Ergebnisse von erbrachten Leistungen werden bewertet.

Quelle: pixabay.com

Damit gerät das Individuum in einen Zugzwang. Um dauerhaft in dieser Leistungsgesellschaft bestehen zu können, muss es sich gewisser Fehlervermeidungsstrategien bedienen, um so energiesparend und effizient wie möglich zu Ergebnissen zu kommen, die eine hohe Bewertung und damit einen großen Erfolg versprechen.Diese Strategien werden in dem Spiegel der Gesellschaft, unserem Bildungssystem, mit höchster bürokratischer Effizienz kultiviert, indem die Kehrseite des Versprechens zum Credo wird: Wer weniger Leistung erbringt, dem steht dementsprechend nur geringerer Erfolg zu. Das heißt, wer Fehler macht, wird bestraft.

Wohin führt solch eine Fehlervermeidungsstrategie langfristig gesehen? Zu Erstarrung und Entwicklungsstillstand. Denn je stärker sich ein System darauf konzentriert, Fehler zu vermeiden, desto stärker fokussiert es sich auf einen schmalen Handlungsspielraum. Es fährt sich regelrecht auf Handlungsbahnen fest, die in der Vergangenheit den größten Erfolg brachten. Damit wird das System anfälliger gegenüber Veränderungen in seiner Umwelt – es verliert seine Anpassungsfähigkeit.

Die Alternative lautet: Fehleroffenheit. Diese Strategie zu verfolgen bedeutet, dass man eine Aufmerksamkeit für die Zusammenhänge und Prozesse kultiviert, die zu einem Fehler führen. Man begibt sich auf die Suche nach Fehlern, analysiert diese und eröffnet sich zwei Nutzungsmöglichkeiten: aus dem Fehler lernen oder ihn als eine innovative Alternative erkennen. Fehleroffenheit sorgt für Flexibilität und damit für die langfristige Stabilisierung eines Systems.

Bezogen auf unser Bildungssystem bedeutet dies: Wir dürfen die Schüler nicht länger für ihre Fehler bestrafen, sondern müssen Fehleroffenheit kultivieren und sie in ihren Fehlerkompetenzen fördern.

Die Details, wie solch eine Strategie aussehen kann, habe ich in meiner Hausarbeit diskutiert, die hier zum Download verfügbar ist.



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