Grenzen – die Bedingtheit des Lebens

Unsere Gesellschaft ist getrieben von dem unerschütterlichen Glauben an die Freiheit des einzelnen Menschen. Dieser Glaube ist an sich nicht das Problem – aber an der Umsetzung hapert es. Denn zu oft wird dabei vergessen: Die Freiheit des einzelnen Menschen endet dort, wo die des anderen beginnt.

Diese Begrenztheit beschränkt sich nicht allein auf das Zwischenmenschliche, sondern existiert außerdem (und vor allem) auch gegenüber allen anderen Lebewesen. Meines Erachtens nach, kann man von drei Ebenen sprechen, auf denen Grenzen erkennbar sind, die uns und das Leben definieren. Dabei geht es nicht darum, aus einem negativ konnotierten Blickwinkel von einer „Begrenztheit“ des Lebens zu sprechen und sie als „Einschränkung“ in der persönlichen Freiheit zu sehen – sondern diese Grenzen sind es, die das Leben erst ermöglichen (siehe Hannah Arendt) und uns unsere Freiheit geben. Sie bedingen das Leben.

Dazu ein klassisches Beispiel aus der Literatur von Hannah Arendt: Der Mensch muss essen. Er muss schlafen. Er braucht eine gewisse Hygiene. Die Liste geht noch weiter. Viele Faktoren sichern das Überleben eines Menschen. Dies ist die natürliche Bedingtheit des Lebens. Sie stellen natürliche Grenzen dar. Dazu gehört auch beispielsweise, wozu der menschliche Körper in der Lage ist und wozu nicht. Dies ist die erste Ebene.

Auch spricht Hannah Arendt von der sogenannten „Dingwelt“, die den Menschen ebenfalls bedingt. Sie ist die konstruierte Welt, die Kultur, die materiellen Güter, durch welche die Kultur u. a. Ausdruck erfährt. Durch sie erfahren wir Freiheiten, die allein auf der natürlichen Ebene nicht möglich wären. Aber auch sie bedingen uns. Das klassischste Beispiel: Um mir einen gewissen Luxus leisten zu können, muss ich auf der anderen Seite Geld verdienen. Außerdem beeinflusst die Kultur, zu der ich mich zugehörig fühle, meine Identität. Dies ist die zweite Ebene.

Auf der dritten Ebene geht es um die Zwischenmenschlichkeit. Es geht um die wesentlichen Beziehungen, die wir zueinander aufbauen und pflegen. Beziehungen bedingen uns. Sie ist die erste und unmittelbarste Ebene. Als Neugeborene sind wir vollständig abhängig von anderen Menschen. Sie füttern uns, sie halten uns warm, sie geben uns die Liebe, die wir brauchen. Ohne sie können wir nicht überleben.

Leider wird eine Abhängigkeit von anderen Menschen als ein Eingriff in die persönliche Freiheit verstanden. Dabei verhält es sich mit dieser Bedingtheit genauso, wie mit den beiden anderen Ebenen: Sie ermöglichen uns das Leben. Die Beziehungen, die wir zu anderen Menschen führen, bedingen uns.

Bei dieser Betrachtung der Bedingtheiten wird klar, dass der Mensch sich nicht als getrennt von oder gar übergeordnet zu der sogenannten „Natur“ verstehen kann. Denn diese Natur bedingt den Menschen. Sie ermöglicht ihm das Leben. Die Tatsache, dass wir diese Zusammenhänge verstehen und die Tatsache, dass wir über die zweite Ebene, nämlich die Dingwelt, verfügen, zeigt auf, in welcher Verantwortung wir uns befinden.

Nur wenn wir unsere Grenzen sehen, können wir an ihnen wachsen.

Nur wenn wir unsere Bedingtheiten akzeptieren, können wir uns durch sie entfalten.

Ein Kommentar zu „Grenzen – die Bedingtheit des Lebens

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