Chancen der Krise – Teil 1: Rettet die Kindheit

Diese Krise trifft uns schwer. Sie trifft uns mitten ins Herz. Und vor allem trifft sie jeden Einzelnen von uns auf der ganzen Welt. Doch sie bietet auch viel Potenzial: Zur Veränderung. Sie bietet uns viele Möglichkeiten, um endlich all die notwendigen Veränderungen unserer Systeme anzugehen. Denn sie deckt all die bisher für viele verborgen gebliebenen Fehler endgültig auf. Sie zeigt uns, worauf es wirklich ankommt im Leben – sie lässt es uns wahrhaftig spüren.

Die Krise betrifft jeden Einzelnen. Und sie betrifft alle Bereiche unserer Gesellschaft und jedes System, das wir aufgebaut haben bzw. das wir zu erhalten versuchen. Doch seit Jahrzehnten wissen einige Menschen, dass diese Systeme fehlerhaft sind. Der grundlegendste Fehler: Sie verweigern sich der Veränderung. Doch wir Menschen brauchen Veränderung. Wir müssen uns weiterentwickeln können. Wie Fromm es ausdrückt: Für den Menschen gibt es nur die Regression oder die Progression – Nur Vorwärts oder Rückwärts (Fromm, 1990: 129ff). Es kann keinen Stillstand geben.

Auch die Schwächen unseres Bildungssystems werden nun offenbar. In meinen kommenden Artikeln möchte ich sie nach und nach erläutern. Vorneweg möchte ich festhalten: Alle unsere Systeme sind miteinander verzahnt. Auch das Bildungssystem hängt mit anderen Systemen fest zusammen. Dementsprechend wirkt sich die Corona-Krise auf das Gesamtsystem flächendeckend aus. Probleme, die im Bildungssystem auftreten, strahlen in andere Systeme hinein, in andere Lebensbereiche. Dies soll stets im Hinterkopf behalten werden.

Flexibilität statt Stundenpläne

Schulen und Kitas sind geschlossen. Das ist notwendig und richtig in dieser Krise. Doch Eltern, die sich bisher darauf verlassen konnten, einen Großteil ihrer Erziehungspflicht auszulagern (an dieser Stelle sei dies nur ein halber Vorwurf, denn zu einem Teil ist das Wirtschaftssystem so strukturiert, dass viele Eltern keine andere Wahl haben), stehen sie nun vor einem großen Problem: Die Verantwortung für die Kindererziehung wieder vollständig übernehmen zu müssen.

In ihrer Not greifen einige Eltern zu dem einfachsten Mittel: die Schule ins eigene Haus holen. Sie basteln fleißig Stundenpläne, um den Tag für ihre Kinder zu strukturieren. Struktur ist gut und wichtig, gerade für jüngere Kinder. Sie gibt ihnen Sicherheit und suggeriert Verlässlichkeit.

ABER das Bildungssystem ist krankhaft. Seit Jahrzehnten warnen Expert*innen aus der Forschung (Bildung UND Medizin), dass Schule unsere Kinder krank macht. Im Kern liegt der Fehler in den alles andere als kindgerechten Strukturen – die Durchtaktung der Kindheit. Ein strukturierter Alltag ist gut, ein durchgetakteter Alltag ist ungesund, vor allem für Kinder. Wir sind keine Maschinen. Wir sind irrationale, emotionale Wesen. Unsere Bedürfnisse sind nur bedingt vorhersehbar. Ein festgelegter Stundenplan ist das Gegenteil der nötigen Flexibilität, die Kinder (neben einer einfachen Struktur wie feste Essenszeiten), brauchen.

Gönnt den Kindern das freie Spiel

Die Krise ist eine Chance. Eine Chance, wieder zur Ruhe zu kommen. Wir haben nun wieder Zeit, um uns mit uns selbst und miteinander auseinander zu setzen. Wir haben Zeit, um Nachzudenken. Um Durchzuatmen. Und nach dem Durchatmen kommt die lange Weile. Die lange Weile ist ein Freiraum, in dem sich Kreativität entfalten kann.

Bildquelle: https://pixabay.com/photos/kid-soap-bubbles-child-fun-1241817/

Für Kinder gibt es keine lange Weile. Wenn sie Zeit und Freiraum haben, fangen sie an zu spielen. Und damit meine ich nicht die Playstation, den Nintendo, Smartphone, PC oder auch das Brettspiel. Ich meine das ursprüngliche freie Spiel:

„Kinder brauchen das freie Spiel, ob drinnen oder draußen, um ihre sozialen und emotionalen Kompetenzen zu erweitern, sie brauchen Erfahrungen aus erster Hand, sie brauchen Geheimnisse. Sie müssen durch das Spiel ihre eigene Wahrnehmungs- und Wirkungsmöglichkeiten entdecken lernen. Darüber hinaus dient das freie Spiel der Symbolisierung eigener Erfahrungen. Um die Welt zu verstehen, sich in der Wirklichkeit verankern und Ereignisse verarbeiten zu können, muss das Kind in der Lage sein, die Erfahrungen, die es gesammelt hat, zu symbolisieren.“

(Pohl, 2014: 41)

Lasst die Kinder spielen!

Natürlich sollen sie auch weiter lernen dürfen. Doch es ist nicht notwendig, den Tag für das Kind von morgens bis abends durchzutakten. Mein Vorschlag: vormittags lernen, nachmittags frei spielen. Dabei gilt:

„Die Meinung, dass Kinder zum Spielen Anleitung, Aufsicht und permanente pädagogische Stimulation brauchen, ist weit verbreitet. Das stimmt insofern, als der BEdarf an Stimulation mit der Abnahme an nachvollziehbarer, vorbildhafter Tätigkeit durch die Erwachsenenwelt wächst. Welches Kind kann heute noch nachvollziehen, womit sich der Vater oder die Mutter außerhalb des Hauses beruflich beschäftigen? Anregungen durch Erwachsene, die ihrer Tätigkeit im Handwerksbetrieb oder in der Kleinindustrie nachgehen, sind aus dem Stadtbild verschwunden. Wohnen und Arbeiten sind getrennte Bereiche geworden. Medien dagegen sind ein Teil der sozialen Realität der Kinder geworden. Ihr Alltag ist davon geprägt, der Tagesablauf wird nicht selten vom Fernsehprogramm bestimmt. Viele Bereiche des Lebens werden ihnen nur noch medial vermittelt. Das geht so weit, dass Kinder selbst dann, wenn sie die Möglichkeit haben, direkte Erfahrungen mit ihrer Umwelt zu machen, abgeklärt und gelangweilt reagieren, weil sie vermeintlich schon ‚Bescheid wissen‘.“

(Pohl, 2014: 93)

Das freie Spiel kann wieder gelernt werden. Erinnern Sie sich als Erwachsene daran, wie Sie selbst früher „frei gespielt“ haben. Haben Sie nicht auch Buden gebaut, oder Kartons in Raumschiffe verwandelt? Haben Sie nicht auch mit einfachsten Gegenständen die wunderlichsten Geschichten gespielt? Konnten Sie nicht auch allein mit Ihrer Fantasie durch das Universum reisen? Erinnern Sie sich und helfen Sie Ihren Kindern dabei, das freie Spiel wieder zu entdecken.

„Wir sind heute als Eltern und Pädagogen dringend aufgerufen, die Kindheit mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und Bedürfnissen nach Natur, Muße, Spiel, unbeaufsichtigter Zeit und echten Abenteuern wieder vermehrt in den Blick zu nehmen, um dem, was der gesellschaftliche Wandel mit sich bringt und was heute die Erwachsenenwelt prägt, etwas entgegenzusetzen, um den Kindern nicht Anpassung, sondern Autonomie zu ermöglichen. Wir brauchen Kindergärten und Schulen, die naturnahes und lebensnahes Lernen als Voraussetzung für das intellektuelle Lernen begreifen.“

(Pohl, 2014: 106)

Und wenn Sie mit Ihren Kindern das freie Spiel wiederentdeckt haben, dann nehmen Sie diese Erfahrung mit, wenn die Schule weitergeht. Erhalten Sie die Erfahrung aufrecht und fallen Sie nicht in den „alten Trott“ zurück. Kämpfen Sie für die Rettung der Kindheit. Und lassen Sie uns gemeinsam dieses Bild der Veränderung zeichnen, dass Gabriele Pohl so schön beschreibt:

„Schule ist heute ein Ort, an dem das Kind dem Leben entfremdet wird. Die Veranstaltungen sind künstlich, und die noch verbliebene ‚Motivation‘ der Schüler ist oft nichts anderes als Notendruck und Abschlüsse. Das wird dem Kind nicht gerecht, denn es ist ein Gegenwartswesen, das seinen Daseinssinn im Jetzt erlebt und sein Weltinteresse unmittelbar an den Dingen seiner Umgebung entfaltet. Echtes Lernen ist dem Spiel verwandt, und wenn es uns nicht gelingt, an der unmittelbaren Motivation des Kindes anzusetzen, verliert es das genuine Interesse an den Inhalten, und Schule wird Pflicht. […] Schule muss ein Ort werden, an dem sich Menschen begegnen, an dem sie zusammen spielen, leben und lernen. Schule muss sich mit dem Leben verbinden, sie muss Lebensschule werden. Freiheit von Forschung und Lehre muss auch in der Schule gewährleistet sein. Schule muss ein Ort der Tat, der Initiative, der Teilhabe werden. Der künstlerische, kreative, unternehmungsfreudige, der aus Erkenntnis handelnde Mensch, der arbeitende Mensch muss die Schule prägen. Und das führt Lehrer und Schüler auch unweigerlich aus dem Schulgebäude raus ins wirkliche Leben.“

(Pohl, 2014: 188)

Lasst die Kinder spielen!

Literatur:

Pohl, Gabriele (2014): Kindheit – aufs Spiel gesetzt – Vom Wert des Spielens für die Entwicklung des Kindes. Berlin Heidelberg: Springer Spektrum.

Fromm, Erich (1990): Die Seele des Menschen – Ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG.

Quelle Beitragsbild: https://pixabay.com/photos/people-children-child-happy-1560569/

2 Kommentare zu „Chancen der Krise – Teil 1: Rettet die Kindheit

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