Probleme der Gegenwart – erklärt aus der Sicht von Psychologe und Philosoph Erich Fromm

Wie konnte es zu der Klimakatastrophe kommen? Wie kann es sein, dass unsere Wirtschaft von Gier dominiert ist? Wieso werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer? Und ist unsere Zukunft wirklich so düster?

Unser moralisches Problem ist die Gleichgültigkeit des Menschen sich selbst gegenüber. Wir haben den Sinn für die Bedeutung und Einzigartigkeit des Individuums verloren und haben uns zu Werkzeugen für Zwecke gemacht, die außerhalb unseres Ich liegen. Wir erleben und behandeln uns als Ware und wurden unseren eigenen Fähigkeiten entfremdet. Wir sind zu Gegenständen geworden, und auch unsere Nächsten sind für uns Gegenstände. Infolgedessen fühlen wir uns machtlos und verachten uns wegen unserer eigenen Impotenz. Da wir unserer eigenen Macht nicht vertrauen, haben wir keinen Glauben an den Menschen, keinen Glauben an uns oder an das, was unsere Kräfte schaffen können. Wir haben kein Gewissen im humanistischen Sinn, denn wir wagen uns nicht auf unsere eigene Urteilsfähigkeit zu verlassen. Wir sind eine Herde: wir glauben, daß der Weg, dem wir folgen, zu einem Ziele führen müsse, weil wir alle andern denselben Weg gehen sehen. Wir tasten im Dunkeln und bleiben nur deshalb mutig, weil wir auch alle andern pfeifen hören.“

Fromm, Erich (1980): Psychoanalyse und Ethik. Frankfurt am Main: Ullstein. Seite 267.

So fasst Erich Fromm Ende des 20. Jahrhunderts die Situation der Menschheit in der westlichen Welt zusammen. Stimmt diese Analyse noch heute? Wie konnte es soweit kommen?

Der grundlegende Konflikt, der die Menschheit ausmacht

Um diese Fragen zu ergründen, müssen wir verstehen, was uns als Mensch ausmacht und unter welchen Bedingungen wir aufblühen. Denn dann können wir verstehen, warum wir verwelken.

Nach Erich Fromms Forschung seien im Menschen zwei Potenziale angelegt: Die primäre Potenzialität sei der „Normalzustand“, also der optimale Zustand, nämlich dass wir uns frei entfalten und produktiv leben können. Die sekundäre Potenzialität entwickele sich dann, wenn die primäre nicht möglich ist. Doch dieser Zustand drückt sich in einem Destruktionstrieb aus und macht uns unzufrieden, depressiv, sogar gewalttätig und bösartig. Fromm betont an dieser Stelle, dass der Mensch in erster Linie gutsei. Und dass er nur dann böse werde, wenn er nicht gut sein darf, weil die Bedingungen des Lebens es ihm nicht gestatten. Ein Beispiel, ist der Mensch, der seine Kinder schlägt, weil er selbst als Kind geschlagen wurde und dieses Trauma nie verarbeiten konnte.

Ist der Drang des Menschen, sich selbst zu zerstören, indem er seine Lebensgrundlage zerstört, nun das Ergebnis der Umstände, weil der Großteil unserer Vorfahren in Gewalt und Mangel aufwuchsen? Weil sie ohne Liebe leben mussten und deshalb nie gelernt haben zu lieben? Ist es so einfach zu erklären? Ja und Nein. Grundlegend, Ja. Im Detail, Nein.

Denn grundlegend sind wir alle gleich. Wir wollen geliebt werden und lieben können. Wir wollen uns frei entfalten und einfach sein. Das Leben strebt allein danach, zu leben und sich zu entfalten. Sich in Liebe zum Leben selbst zu entfalten. Doch was den Menschen besonders macht, ist ein in ihm angelegter Konflikt, nach dessen Lösung er kontinuierlich strebt. Und auf dieser Suche nach der Lösung kann er auf jene Abwege geraten, die ihn bösartig werden lassen:

„Der Mensch hat – je mehr er aus seinem ursprünglichen Einssein mit seinen Mitmenschen und der Natur heraustritt und ‚Individuum‘ wird – keine andere Wahl, als sich entweder mit der Welt in spontaner Liebe und produktiver Arbeit zu vereinen oder aber auf irgendeine Weise dadurch Sicherheit zu finden, daß er Bindungen an die Welt eingeht, die seine Freiheit und die Integrität seines individuellen Selbst zerstören.“

Fromm, Erich (1983): Die Furcht vor der Freiheit. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt GmbH. Seite 27.

Der Mensch möchte eins mit der Welt sein und trotzdem frei und unabhängig. Sind wir deshalb dazu verdammt, ewig zwischen diesen beiden Möglichkeiten zu schwanken und unglücklich zu werden? Nein. Wir können beides. Der Mensch kann er selbst sein, sich seinem Wesen entsprechend entfalten und trotzdem Teil der Welt sein, indem er liebende Beziehungen zu seiner Umwelt und seinem sozialen Umfeld eingeht. Gelingt es dem Menschen, auf diesem Wege den Konflikt zu lösen, kann er wahrhaftig zufrieden und glücklich werden. Gelingt ihm dies nicht, so wählt er in der Regel eine der beiden Möglichkeiten und ist deshalb niemals als Mensch vollständig.

Zwei mögliche Extreme führen beide zur Katastrophe

Das eine Extrem bildet die Individuation und Einsamkeit. Das andere Extrem ist die vollständige Auflösung des Selbst, indem sich der Mensch einer Gruppenideologie anpasst. Beide Wege sind Ausdruck der Selbstzerstörung. Und beide Wege machen es aus psychologischer und damit gesellschaftlicher Sicht möglich, dass die Menschen kollektiven Selbstmord begehen, indem sie die Klimakatastrophe anfeuern.

Ist unser Schicksal demnach besiegelt? Weil eben jene bösartigen Menschen die Machtpositionen besetzen und uns alle dem Untergang weihen? Nein! Denn die guten Nachrichten landen bekanntlich nicht im Fernsehen. Doch die Welt ist voll von ihnen – von den Initiativen guter Menschen, die unsere Gesellschaft im Stillen zum Positiven verändern. Und kein Mensch ist seinem Schicksal jemals ergeben. In jedem Menschen ist das Gute angelegt. Auch kann ein Mensch sich zum Guten wenden, selbst wenn er in der Vergangenheit das Böse gewählt hat:

„Weder ein gutes noch ein schlechtes Ergebnis stellt sich automatisch oder in vorbestimmter Weise ein. Die Entscheidung liegt beim Menschen selbst. Sie hängt davon ab, ob er die Fähigkeit hat, sich selbst, sein Leben und sein Glück ernst zu nehmen; ob er gewillt ist, sich mit seinem eigenen moralischen Problem und dem seiner Gesellschaft auseinanderzusetzen. Sie hängt von seinem Mut ab, er selbst und um seiner selbst willen zu sein.“

Fromm, Erich (1980): Psychoanalyse und Ethik. Frankfurt am Main: Ullstein. Seite 269.

Doch kein Mensch schafft dies, wenn er auf sich allein gestellt ist. Deshalb reicht einander die Hände, geht mit gutem Beispiel voran und begegnet euch stets mit Offenheit und Verständnis.

Wenn du das nächste Mal einem Menschen gegenübertrittst, der sich nicht gut verhält, dann urteile nicht, sondern erinnere dich, dass er seine primäre Potenzialität bisher nicht entfalten konnte.

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