Leadership 4.0 – Theorie U von Otto Scharmer

Die Corona-Krise war ein Weckruf. Anders als die Klima-Krise waren hier die Auswirkungen für jeden unmittelbar spürbar – die Gefahr allgegenwärtig. Im Lockdown rückten Familien enger zusammen. Menschen besannen sich auf das Wesentliche, überdachten ihr Konsumverhalten, begannen sich um ihre Gesundheit zu kümmern.

Die Krise ist eine Chance. Jede Krise ist eine Chance. Krisen läuten Veränderung ein. Veränderungen, die lange überfällig sind – weshalb es zur Krise kommen konnte. Ich behaupte, dass dies unsere letzte Chance ist, um unsere gegenwärtigen Probleme in den Griff zu bekommen. Die Lösungen sind zum Teil bereits greifbar, zum Teil müssen sie noch gefunden werden.

Die Probleme sind längst benannt. Otto Scharmer fasst sie wie folgt zusammen:

„Während die ökologische Kluft eine Bruchlinie zwischen Selbst und Natur und die soziale Kluft eine Bruchlinie zwischen Selbst und dem Anderen darstellt, erwächst die spirituelle Kluft aus einem Bruch zwischen dem Selbst und dem Höheren Selbst – das heißt zwischen dem, der ich heute bin, und dem, der ich morgen sein könnte, also meiner höchsten Zukunftsmöglichkeit.“

Scharmer, Otto C. (2019): Essentials der Theorie U – Grundprinzipien und Anwendungen. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH. Seite 25.

Alle diese Krisen sind Ausdrücke dieser drei Abgründe, denen wir gegenüberstehen. Es gilt nun, sie zu überwinden. Dafür müssen wir zunächst in die Tiefe hinabschreiten, ehe wir am anderen Ende der Kluft wieder hinaufklettern können. Was finden wir in der Tiefe? Antworten und das damit verbundene Potenzial, am anderen Ende eine Lösung zu finden. Denn diese drei Abgründe sind lediglich die Symptome – die Spitze des Eisbergs – von 1. systemischen Strukturen, 2. Mindsets und 3. Quellen. Und unter der Quelle lauert der Blinde Fleck: der innere Zustand eines Menschen.

Durchläuft mensch diesen Wandlungsprozess, indem er sich auf die Suche nach der Quelle des Abgrunds macht, aktiviert er ungeahnte Potenziale, denn er beginnt, wahrhaftig zu lernen. Scharmer definiert zwei Quellen des Lernens: Die Vergangenheit und die Zukunft.

„Aus der Vergangenheit lernen ist notwendig, aber nicht hinreichend. Alle umwälzenden Herausforderungen verlangen, dass wir uns der Sache mit einer neuen Herangehensweise nähern. Sie verlangen, dass wir uns entschleunigen, innehalten, die wichtigsten Antriebskräfte der Veränderung erspüren, die Vergangenheit loslassen und die Zukunft, die entstehen möchte, kommen lassen.“

Scharmer, Otto C. (2019): Essentials der Theorie U – Grundprinzipien und Anwendungen. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH. Seite 26.

Das „U“ der Theorie von Otto Scharmer beschreibt den Weg des Lernens von der Zukunft. Zunächst lernt mensch, wahrhaftig und aktiv zuzuhören: er öffnet seinen Geist. Dann aktiviert er seine Empathiefähigkeit: er öffnet sein Herz. Und zum Schluss aktiviert er sein Handlungspotenzial: er öffnet seinen Willen. Jetzt ist er am Abgrund angelangt, im Zustand des Presencing:

„Der Begriff Presencing ist eine Kombination aus ’sensing‘ (erspüren) und ‚presence‘ (Gegenwart). Er bedeutet, sein höchstes Zukunftspotenzial zu erspüren und umzusetzen. Wann immer wir es mit Umbrüchen zu tun haben, ist es dieser zweite, aus der Zukunft entgegenlaufende Zeitstrom, der uns erlaubt, neue Impulse in die Welt zu setzen. Denn ohne eine solche Verbindung zur entstehenden Zukunft tendieren wir am Ende dazu, zu Opfern, statt zu Mitgestaltern von Umbrüchen zu werden.“

Scharmer, Otto C. (2019): Essentials der Theorie U – Grundprinzipien und Anwendungen. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH. Seite 27.

Nun macht mensch sich auf den Weg zurück hinauf, um auf der anderen Seite des Abgrunds wieder ins Licht zu treten und die Lösung zu finden. Im Zustand des Presencing wurde das verborgene Potenzial aktiviert. Nun muss mensch „Kommen lassen“, Ideen formulieren und diese schlichtweg Erproben, indem Kopf, Herz und Hand verbunden bleiben. Hier passiert die Magie: Die Lösung wird sichtbar.

Für Führungskräfte ist die Theorie U eine Chance, die Verantwortung mit sich trägt. Denn der Leader muss den Prozess selbst durchlaufen, um andere darin anleiten zu können. Und:

„Heute besteht das Problem darin, dass die meisten Menschen denken, Führung sei eine Eigenschaft von Individuen und funktioniere mit einer Person an der Spitze. Doch wenn wir Führung als die Fähigkeit eines Systems – oder einer Gemeinschaft – betrachten, die Zukunft gemeinsam zu erspüren und zu realisieren, dann erkennen wir, dass Führung immer auf viele Menschen verteilt ist – sie muss jeden Einzelnen einbeziehen. Um die kollektive Fähigkeit entwickeln zu können, muss sich jeder in diesem System als Pfleger des größeren Ökosystems wahrnehmen und einsetzen lernen.“

Scharmer, Otto C. (2019): Essentials der Theorie U – Grundprinzipien und Anwendungen. Heidelberg: Carl-Auer Verlag GmbH. Seite 12.

Es gilt also, das eigene Potenzial zu aktivieren, um in der Folge die Verbindung zum Umfeld herstellen und andere im eigenen Wirkungskreis zur Aktivierung ihrer Potenziale inspirieren zu können. Nur gemeinsam können wir es schaffen.

Mit diesem Artikel habe ich lediglich an der Oberfläche der Theorie U gekratzt. Ich möchte daher dazu einladen, sich selbst auf die Reise zu begeben: www.presencing.org

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