Blau, orange und grün – eine oberflächliche Analyse unseres Schulsystems

Mit Spiral Dynamics entwickelten Don Edward Beck und Christopher C. Cowan, basierend auf der Forschung von Clare Graves, eine Theorie, die unsere kulturelle evolutionäre Entwicklung allumfassend darstellt. In diesem Artikel möchte ich einen oberflächlichen Versuch starten, ihre Theorie für die Analyse unseres deutschen Schulsystems anzuwenden.

Wer Spiral Dynamics vertiefend verstehen möchte, dem empfehle ich das gleichnamige Buch. Hier gebe ich nur einen kurzen Abriss: Laut dieser Theorie bewegt sich die menschliche kulturelle Entwicklung auf einer aufwärtsstrebenden Spirale. Bisher sind acht Ebenen in zwei verschiedenen Ordnungen bekannt. Die ersten sechs Ebenen bewegen sich in der ersten Ordnung. Für die zweite Ordnung sind bisher nur zwei Ebenen sichtbar geworden, jedoch bahnt sich eine dritte an. Pro Ordnung prognostizieren die Forscher ein Paket von sechs Ebenen, ehe sich die nächste Ordnung eröffnen kann.

Jede Ebene steht für ein sogenanntes W-Mem. Ein W-Mem beschreibt ein kulturelles Mindset, das sowohl ökonomische, als auch spirituelle und andere Bereiche umfasst:

„Ein W-Mem enthält das grundlegende Bündel an Gedanken, Motiven und Anleitungen, die darüber bestimmen, wie wir Entscheidungen fällen und welche Prioritäten wir in unserem Leben setzen. Jedes hat seinen eigenen Sende- und Empfangskanal, Verfahrenscode und Satz von Annahmen über das Funktionieren der Welt, sein eigenes Organisationsdesign, seine eigene Intensitätsstärke.“

Beck, Don Edward & Cowan, Christopher C. (2020): Spiral Dynamics – Leadership, Werte und Wandel. Bielefeld: Media GmbH. Seite 64.

Jede Ebene, also jedes W-Mem, wird im Zusammenhang mit einer Farbe erklärt, um die Darstellung zu vereinfachen. Die Spirale bewegt sich von rechts nach links. Auf der rechten Seite stehen kalte Farben und Wir-zentrierte Kulturen, während auf der linken Seite warme Farben und Ich-zentrierte Kulturen stehen. Der Mensch entwickelt sich pendelnd zwischen Wir- und Ich-zentrierten Kulturen weiter. Im Idealfall endet die Entwicklung niemals und strebt kontinuierlich aufwärts.

Doch können Ebenen auch übersprungen werden. Rückfälle sind in der Geschichte nicht selten zu beobachten. Und – dieser Aspekt ist zu unterstreichen – ein einzelner Mensch bewegt sich parallel auf mehreren Ebenen der Spirale, je nachdem in welchem sozialen Umfeld er sich unmittelbar bewegt. Spiralberater und -experten gar brillieren mit ihrer Fähigkeit, ausgehend von den W-Memen der zweiten Ordnung, dazu in der Lage zu sein, jedes bekannte W-Mem einsetzen zu können, um Probleme erfolgreich zu bewältigen. Deshalb dient diese Theorie nicht zuletzt als Methodenkoffer für Leader, die Transformationen initiieren möchten.

Jetzt kommt der Überblick der bisher bekannten Ebenen:

beige, Überlebenswille, mit Hilfe der angeborenen Sinnesausstattung am Leben bleiben

purpur, Ahnengeister, Blutsverwandtschaft und Mystizismus in einer magischen, beängstigenden Welt

rot, machtvolle Götter, Macht über sich selbst, andere und die Natur mittels ausbeuterischer Unabhängigkeit

blau, richtig/falsch, absoluter Glaube an einen richtigen Weg, Gehorsam gegenüber Autorität

orange, Erfolgsstreben, Möglichkeiten erfassen, um das eigene Leben zu verbessern

grün, Beziehungen, Wohlbefinden und Konsensbildung haben oberste Priorität

gelb, wechselndes Fließen, flexible Anpassung an Veränderungen mittels vernetzter, umfassender Perspektiven

türkis, globale Perspektive, Aufmerksamkeit für die Dynamik der gesamten Erde und Handeln auf der Makroebene

Beck, Don Edward & Cowan, Christopher C. (2020): Spiral Dynamics – Leadership, Werte und Wandel. Bielefeld: Media GmbH. Seite 65.

Erkennen Sie die Entwicklung mithilfe Ihres Wissens zur menschlichen Geschichte wieder? Auf welchen Ebenen sehen Sie sich selbst? Welche Ebenen sind Ihrer Meinung nach in Deutschland im Jahre 2021 aktiv? Welche in der EU? Welche auf dem ganzen Planeten?

Wo steht unser Schulsystem? Es liegt, wie gesagt, in der Natur des Menschen, dass in ihm mehrere W-Meme parallel aktiv sind. Er besitzt damit eine Fülle von Instrumenten, um sie situationsbezogen einsetzen zu können. Diese Parallelität zieht sich durch alle von Menschen geschaffenen Systeme. So auch im Schulsystem. Nun versuche ich die oberflächliche Analyse:

blau ist zweifellos aktiv. Denn die Lehrkräfte bringen den Lernenden bei, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Schule hat schließlich den Auftrag, Wissen zu „vermitteln“ und Lernende haben die Aufgabe, die „Wahrheit“ zu lernen. Dabei gilt: Die Lehrkraft hat recht und der Lernende hat ihr zu gehorchen, damit Ordnung im Klassenzimmer gewahrt wird.

orange spiegelt sich in einem sehr zentralen Instrument der Schule wieder: Noten. Die Noten bemessen den Lernstand. Gute Noten stehen für erfolgreiches Lernen. Die Lernenden werden dazu angehalten, gute Noten anzustreben, also Erfolg anzustreben. Es wird ihnen suggeriert, dass es im Leben darum ginge, erfolgreicher zu sein als andere, also im Wettbewerb auf der Gewinnerseite zu stehen. Dabei gilt: Jeder ist sich selbst der nächste und Teamarbeit lediglich Mittel zum Zweck.

Kann auch grün eine Rolle in deutschen Schulen spielen? Wird nicht auch Wert auf funktionierende Beziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden und zwischen Lernenden gelegt? Hat das Streben nach allgemeinem Wohlbefinden und Konsensbildung hier Platz? Ich stelle diesen Aspekt bewusst in Frage. Denn während meiner eigenen Schulzeit blitzte grün, wenn überhaupt, nur punktuell auf. Die Strukturen der Schule ließen dafür schlichtweg keinen Raum. Wenn grün auftrat, dann nur dank zusätzlicher Kraftanstrengungen, weil jedes Mal die strukturellen Grenzen der Schule dafür überwunden werden mussten.

Ich möchte diese oberflächliche Analyse gar nicht weiter kommentieren. Ich hoffe, Sie damit zum Nachdenken angeregt zu haben. Wo stehen wir? Und wo wollen wir hin? Nicht nur in der Schule, sondern in der gesamten Gesellschaft?

2 Kommentare zu „Blau, orange und grün – eine oberflächliche Analyse unseres Schulsystems

  1. Danke, das ist ein interessantes Entwicklungsmodell. Was das Schulsystem anbelangt, sind die Überlegungen allerdings nicht neu. Kurz nach 1900 trat die Reformpädagogik an. Was wollte sie erreichen? Den Einzelnen zum Zentrum seines Lernens machen, weg von Schulfächern, weg von Leistungsmessung, weg von strenger zeitlicher Taktung, Projektarbeit statt Fächer-Unterricht. Also, das pädagogische Wissen, wie es anders laufen sollte, ist älter als 100 Jahre. Warum wird es dann nicht umgesetzt? Vielleicht weil das Schulsystem immer noch ein staatliches ist und der Staat Interesse hat an „funktionierenden Staatsbürgern“. Aber natürlich würde der Rückzug des Staates aus dem Bildungssystem auch gravierende Nachteile mit sich bringen…

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