Wettbewerb blockiert die Entwicklung des Selbst

Die Neurowissenschaft konnte das Selbst lokalisieren, es liegt im Stirnhirn. Wir wissen außerdem, dass das Selbst nicht angeboren ist, sondern aus dem Beziehungsgefüge zu den Bezugspersonen im ersten Lebensjahr entsteht – um sich zu entwickeln, ist das Selbst auf Resonanzen angewiesen. Die Entwicklung des Selbst hält ein Leben lang an: Sie bildet den Kern aller Bildungsprozesse. Doch Resonanzverhältnisse (und damit die Entwicklung des Selbst, also Bildung) werden durch Konkurrenz blockiert. Damit ist doch alles glasklar: Indem wir den Fokus auf Wettbewerb legen, löschen wir uns systematisch selbst aus. Wir löschen uns nicht (nur) damit aus, dass wir unsere Lebensgrundlagen (sprich den Planeten) zerstören, sondern indem wir das, was uns ausmacht, unser Selbst, blockieren und damit die persönliche Weiterentwicklung verhindern.

Wie komme ich zu dieser Schlussfolgerung? Mal abgesehen von Studien, die belegen, dass die Menschen zunehmend kränker werden (was auf den ersten Blick auf die unterschiedlichsten Faktoren zurückzuführen ist, aber auf den zweiten Blick demselben prinzipiellen Kern entspringt), führten mich zwei Bücher, die ich glücklicherweise direkt hintereinander las, zu der Erkenntnis:

„Resonanz“ von Prof. Dr. Harmtut Rosa, Soziologie und Politikwissenschaft

„Wie wir werden wer wir sind“ von Prof. Dr. med. Joachim Bauer, Neurowissenschaftler, Facharzt (Internist, Psychiater) und Psychotherapeut

Fangen wir mit dem Ursprung des Selbst an. Es ist uns nicht angeboren, sondern entwickelt sich im ersten Lebensjahr aus den mit Resonanz geladenen Beziehungen zu den Bezugspersonen. Aus dem, wie diese Bezugspersonen auf ihn reagieren, konstruiert der Säugling sein Selbst:

„Der Säugling kommt ohne ein Selbst zur Welt. Die Anfänge der Selbst-Werdung vollziehen sich in den ersten etwa vierundzwanzig Lebensmonaten und beruhen auf Resonanzen, die der Säugling in seinen Bezugspersonen auslöst und die zu ihm zurückkehren. Seine Bezugspersonen dienen dem Säugling als eine Art externes Selbst.“

Bauer, Joachim (2019): Wie wir werden, wer wir sind – Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. München: Karl Blessing Verlag. Seite 14.

Das Selbst entwickelt sich ein Leben lang weiter – sofern diese Entwicklung nicht blockiert wird. Dabei orientiert sich der Mensch nach wie vor an den Menschen in seinem Leben, die in ihm Resonanzen auslösen. Dazu können neben Familienmitgliedern und Freunden auch Mentor*innen und Vorbilder zählen. Selbst Bücher und fiktive Figuren sind hier nicht ausgeschlossen. Denn letztendlich werden auch Werte, Haltungen und Kulturen in das Selbst integriert. Das Selbst besteht nicht allein aus dem Ich, sondern entstehtaus dem Du und dem Wir. So ist es ein Leben lang:

„Unser Selbst ist eine Komposition aus vielen Themen und Melodien. Es ist mit den in unserem Kulturraum lebenden Menschen verbunden. […] Unser Selbst ist immer auch ein Wir.“

Bauer, Joachim (2019): Wie wir werden, wer wir sind – Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. München: Karl Blessing Verlag. Seite 208.
Quelle: pixabay.com

Nur Beziehungen, die mit Resonanzerfahrungen verbunden sind, beeinflussen das Selbst. Was ist Resonanz? Hartmut Rosa hat den Begriff maßgeblich geprägt und definiert ihn wie folgt:

„Resonanz beschreibt eine Beziehung zwischen zwei (oder mehreren) Objekten oder Körpern, die den aus der Physik gewonnen Relationseigenschaften entspricht. Im Blick auf eine Theorie der Weltbeziehung beschreibt Resonanz sodann einen Modus des In-der-Welt-Seins, das heißt eine spezifische Art und Weise des In-Beziehung-Tretens zwischen Subjekt und Welt […]. Als Kernmoment lässt sich dabei die Idee isolieren, dass sich die beiden Entitäten der Beziehung in einem schwingungsfähigen Medium (oder Resonanzraum) wechselseitig so berühren, dass sie als aufeinander antwortend, zugleich aber auch mit eigener Stimme sprechend, also als ‚zurück-tönend‘ begriffen werden können. Resonanz ist daher, wie gesagt, strikt zu unterscheiden von Formen der kausalistischen oder instrumentalistischen (‚linearen‘) Wechselwirkung (im Sinne mechanischer Kopplung), in der die Berührung als erzwungene Beeinflussung eine starre, genau vorhersagbare Wirkung erzeugt.“

Rosa, Hartmut (2018): Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp Verlag. Seite 285.

Resonanz beschreibt jene Beziehungen und Erfahrungen, die mich in meinem Inneren berühren. Gänsehaut-Momente gehören beispielsweise dazu. Nur, was mich berührt, bildet mich. Bildung ist die Gestaltung des Selbst. Dies ist ein lebenslanger Prozess. Doch unsere Moderne der Beschleunigung und des Wettbewerbs blockieren diese Resonanzräume und Möglichkeiten der Weiterentwicklung. So beschreibt es Hartmut Rosa:

„Konkurrenz und Resonanz sind damit aber zwei inkompatible Welthaltungen. Das unaufhörliche und politische Lob des Wettbewerbs basiert immer und ausschließlich auf der Idee und dem Versprechen, dass dieser mehr Welt in Reichweite bringe (indem er Güter und Dienstleistungen billiger macht, Leistung und Effizienz steigert usw.), niemals auf einer Erwägung der Beziehungsqualität.“

Rosa, Hartmut (2018): Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp Verlag. Seite 695.

Des Weiteren erläutert Rosa in seinem Werk wie die Steigerungslogik der Moderne Resonanzräume systematisch einschränkt und Entfremdung fördert. Entfremdung ist die zweite Seite der Medaille der Resonanztheorie. Entfremdung bedeutet, die Welt ist stumm und antwortet mir nicht. Burnout und Depression sind Ausdruck solcher Entfremdung.

Quelle: pixabay.com

Zurück zur Ausgangsthese dieses Beitrags. Die Zusammehäng sind sehr komplex und können in so einem kurzen Artikel nur in der Spitze des Eisbergs formuliert werden. Doch ich möchte mit einer Erzählung von Otto C. Scharmer enden, der in seinem MOOC zur Theorie U erklärte: Er gehe davon aus, dass alle Konflikte unserer modernen Gesellschaft auf drei zentrale Kernkonflikte zurückzuführen seien. Nämlich dem Social Divide, dem Natural Divide und dem Spiritual Divide. (Alle drei beschreiben Entfremdungsprozesse des Menschen von seinem sozialen Umfeld, seinem natürlichen Umfeld und seinem Selbst). Er habe sich mit dem Dalai Lama über diese Theorie unterhalten. Dieser schüttelte den Kopf und meinte, im Grunde sei alles auf einen einzigen Kernkonflikt zurückzuführen, nämlich des verlorenen Selbst. Wir haben die Verbindung zu uns Selbst verloren.

Deshalb läuft alles aus dem Ruder. Und deshalb ist es wichtig, die Angst loszulassen und zurück zu unserem Selbst zu finden. Dort warten die Antworten auf uns. Dort wartet die Zufriedenheit und das wahre Glück. Wenn wir uns im Inneren wieder in Einklang bringen, bringen wir automatisch das Wir in Einklang.

2 Kommentare zu „Wettbewerb blockiert die Entwicklung des Selbst

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